Warum Christ sein im Osten (immer noch) genuin politischer ist als anderswo

Vor zwei Jahren, kurz bevor in Thüringen die erste rot-rot-grüne Koalition fertig geschnürt wurde, berichtete die FAZ über unseren Landesparteitag in Apolda, einer so typischen ostdeutschen Kleinstadt. Die FAZ wollte dokumentieren, wie wir, Bündnis 90/Die Grünen, uns gegen eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei aufbäumten. Wir, die wir immerhin hervorgegangen waren aus der Bürgerrechtsbewegung und aus diesem Grund mit dem alten Gegner SED und seinen Nachfolge-Parteien nicht zusammenarbeiten könnten ohne uns selbst zu verleugnen.
In diesem Text von Claus Peter Müller von der Grün fand sich auch folgende Passage:

“Auf keinem Parteitag im Freistaat, weder bei der fast vergessenen FDP, noch bei der CDU, haben sich Parteimitglieder seit 1989 im Angesicht zweier mächtiger rot-roter Regierungspartner so häufig öffentlich zur „einzig bürgerlichen Kraft“ erklärt wie in Apolda oder sich zur ihrer unternehmerischen Prägung bekannt, und nirgends haben wohl zuvor so viele Pfarrerstöchter gesprochen, so dass sie schon selbst begannen, sich zu nummerieren: „Ich bin die dritte Pfarrerstochter, die hier spricht…“.”

Ich war eine dieser Pfarrerstöchter, und nicht nur ich fühlte mich arg missverstanden: Nein, unsere Äußerungen waren nicht von unerschütterlicher Bürgerlichkeit angetrieben. Pfarrerstochter zu sein, und das aus der zweiten oder dritten Generation Ostdeutschland, das bedeutet nicht wie vielleicht im Kernland der FAZ eine oft automatische Verbundenheit zum Konservatismus und bürgerlicher Zurückhaltung. Im Pfarrhaus in Ostdeutschland aufzuwachsen, das war in vielen Fällen Aufwachsen in der politischen Opposition, in Ausgrenzung, staatlicher Überwachung und als Teil einer gesellschaftlichen Randgruppe. Kirche im Osten war der prekäre Ort, an dem Opposition Räume fand, um sich zu organisieren, in denen maßgeblich die ostdeutsche Friedensbewegung entstand. In dem sich die Umwelt-Bibliothek traf und die staatliche Zerstörung der Lebensgrundlagen dokumentierte. Meist von der Westkirche gesponsert standen hier die Druckmaschinen, mit denen Flugblätter und Zeitungen gegen die SED überhaupt erst in die Breite gebracht werden konnten.

Ich werde nie vergessen, wie ich als kleines Kind Anfang der Neunziger bei einem alten Gemeindekirchenratsältesten zu Besuch war, der stolz und lächelnd den Teppich in seinem Wohnzimmer beiseite schob und die Falltür zu einem Versteck zeigte. Die Stasiakten mit den minutiösen Berichten über Junge-Gemeinde-Treffen, auch die Akte meines Vaters. Das Wissen, dass wenige Jahre vor mir an meiner Schule jene Schüler_innen bestraft und verwiesen wurden, die heimlich zur Jungen Gemeinde gingen. Ich bin zwar selbst aus der Kirche ausgetreten, aber diese Geschichte, dieser Kampf und die damit verbundenen persönlichen Opfer erfüllen mich mit großer Achtung und Dankbarkeit.

Kirche im Osten ist noch heute Minderheit, auch wenn sie nicht mehr der Ort politischer Opposition ist – dafür sind zu viele ostdeutsche Theolog_innen 1989 direkt in die Politik gegangen: Menschen, die in der DDR aus politischen Gründen nicht an der Universität zugelassen wurden und Theologie aus Mangel an Alternativen studierten. Die nur zu glücklich waren, dass ihnen die Wende einen Weg aus dem Pfarramt eröffnete. Aber selbst diese Wendung zeigt, dass Kirche im Osten politischer war und auch heute noch oft politischer ist als in den alten Bundesländern. Kirche im Osten, das ist eben auch Lothar König – einer, der sich immer noch in Opposition zur sächsischen Polizei befindet. Auch wenn natürlich Welten zwischen Lothar König und Katrin Göring-Eckardt liegen: Ein öffentliches Bekenntnis zur Kirche, wie es viele ostdeutsche Theolog_innen leben, das ist ein Bekenntnis vor dem Hintergrund einer Geschichte in Opposition und persönlichem Widerstand. Und diese Herkunft aus der Bürgerrechtsbewegung, die eben in der DDR so eng verbunden war mit Kirche, die schätze ich auch bei grünen Spitzenkandidat_innen.

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