Für ein Umdenken in der massenhaften Kontrazeptions-Medikation junger Frauen

Wenn man in dieser Gesellschaft als junge Frau zwischen 10 und 14 zum ersten Mal zur/zum GynäkologIn geht, bekommt man meist automatisch auch gleich die Pille verschrieben. Sicher ist sicher und kostet ja auch bis zum 18. Geburtstag nichts (es sei denn man hat das Pech privat versichert zu sein). Wenn man völlig gesund ist und einem nicht Uralt-Präparate wie die Diane®-35 verschrieben werden ist das Ganze auch mit einem vertretbar geringen gesundheitlichen Risiko verbunden. Kaum aber raucht man regelmäßig, leidet an Adipositas oder hat beispielsweise ein bislang unbekanntes erhöhtes genetisches Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann die Pille sehr schnell zur bedeutenden Gesundheitsgefährdung werden – eine detaillierte Abfrage all dieser Risikofaktoren wird in vielen gynäkologischen Praxen bei der Erstverschreibung aber leider nicht durchgeführt (löbliche Ausnahmen von dieser Regel gibt es natürlich auch).

Im Ergebnis nehmen viele junge Frauen mit und ohne zusätzliche Risikofaktoren Tag für Tag, über Jahre, die Pille regelmäßig ein, obwohl sie in vielen Fällen nur unregelmäßig Sex haben und diesen oft auch mit Kondom. Die täglich eingenommene Pille aber wird nur relevant in den seltenen Fällen, in denen tatsächlich unsafe sex stattfindet – was für den Großteil junger Frauen ohne festen Partner nur sehr sporadisch der Fall ist. Für diesen seltenen Fall aber nehmen sie die dauerhafte Pillen-Einnahme, ab dem 20. Lebensjahr Rezeptzuzahlungen und monatliche Medikamentenkosten, unerwünschte Nebeneffekte wie Gewichtszunahme und gesundheitliche Risiken wie Gefäßverschlüsse in Kauf.

Der Wert der Einnahme der normalen Pille ist unbestritten für Frauen mit regelmäßigem ungeschützten Geschlechtsverkehr. Die Frage ist jedoch, ob auch für alle anderen die Einnahme der Pille eine gute Option ist. Für eine Frau, die beispielsweise nur einmal im Jahr ungeschützten Geschlechtsverkehr hat, wäre die dann einmalige Einnahme der “Pille danach” mit dem Wirkstoff Levonorgestrel oder Ulipristal eventuell eine billigere und gesundheitlich weniger riskante Option und besitzt bei korrekter Anwendung einen sehr guten Pearl-Index von bis zu 0,1 (s. Kommentare). Natürlich haben auch diese Wirkstoffe ernstzunehmende Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Störung der Regelblutung, doch sind dies alles Nebenwirkungen, die auch bei normaler Pille auftreten. Die einmalige und seltene Einnahme im Fall der “Pille danach” jedoch zeigt bislang in den klinischen Untersuchungen weder das Risiko der unter vielen normalen Pille-Präparaten auftretenden mittel- und langfristigen Nebenwirkungen noch unerwünschte Gewichtseffekte.

Warum aber wird die “Pille danach” dann nicht häufiger als Option für jene Frauen diskutiert, die nur im absoluten Ausnahmefall unsafe sex zu haben? Warum wird auch diesen Frauen die normale Pille verschrieben und zugemutet?

Dafür gibt es keine gute Begründung.

Das Bundesamt für Arzneimittelbewertung (BfArM) hat sich erst neulich wieder, zum zweiten Mal nach 2003, für eine rezeptfreie “Pille danach” ausgesprochen um den Zugang zu dieser möglichst rasch nach dem Geschlechtsverkehr zu nehmenden Medikation zu vereinfachen, doch die CDU in Person von Bundesgesundheitsminister Gröhe weigert sich mit Hinweis auf die “Risiken” hartnäckig diese ExpertInnenmeinung umzusetzen. Er stellt sich damit taub gegenüber den Argumenten der sachlichen Risikobewertung und den unnötigen gesundheitlichen Risiken, denen viele junge Frauen in dieser Gesellschaft ausgesetzt werden.

Hinweis: Dieser Text stellt lediglich die persönliche Meinung der Autorin und keine Therapieempfehlung dar. Bei medizinischen Fragen und Problemen wenden Sie sich bitte an eineN ÄrztIn. Nehmen Sie Medikamente nur gemäß den Hinweisen ihrer/s ApothekerIn ein.

2 thoughts on “Die Pille danach: Auf Dauer sogar gesünder als die normale Pille?”

  1. Liebe Paula (ich glaube du bist die Autorin?),

    vielen Dank für deinen Beitrag. Ich unterstütze ebenfalls die freie Abgabe der Notfallverhütung ohne Rezept, dennoch habe ich ein paar Kritikpunkte an deinem Beitrag. In diesem Blog wird die evidenzbasierte Medizin immer wieder gerne als wichtigstes Fundament eurer Argumentation angegeben, deswegen hätte ich mir etwas mehr Recherche vor der Propagierung einer nicht ganz unkomplexen Herangehensweise an die Problematik gewünscht. Mal ganz abgesehen davon, dass Quellenangaben ganz nett gewesen wären (wie kommst du auf die Pearl-Indices?!).

    Grundsätzlich halte ich, genauso wie du (ihr?), die Notfalkontrazeption mit Levonorgestrel 1,5mg für eine Medikation mit übersichtlichem Risikoprofil. Bevorzugen würde ich selbstversäntdlich Ulipristal. Die These, sie sei auf Dauer gesünder als die “normale” Pille halte ich, wenn auch interessant, für gewagt. Weil dafür gibt es nun wirklich überhaupt keine Evidenz (ganz im Gegenteil). Ich möchte meine Kritik in drei Unterpunkte aufteilen:

    1. VERALLGEMEINERUNG:
    Du scherst Levonorgestrel und Ulipristal über einen Kamm. Das halte ich für gefährlich. Ebenso wie die “normale” Pille. Es gibt zig Einzel- und Kombinationspräparate mit ihrem jeweil individuellen Vorteilen und Risiken.

    2. DER GENANNTE PEARL-INDEX IST FALSCH:
    Wie kommst du auf die genannten Werte? Ich finde nur Studien, die genau deine Herangehensweise mit Levonorgestrel 0,75mg verfolgt haben und die kommen auf einen Pearl-Index von um 3,5 (UN 2010). Die Notfallkontrazeption ist sicherlicht nicht (auch bei korrekter Einnahme) in ihrer Sicherheit eine Schwangerschaft zu verhindern mit einer regelmäßig eingenommen oralen Kontrazeption zu vergleichen. Ganz einfach weil der Zykluszeitpunkt in Kombination mit dem Einnahmezeitpunkt wichtigster Faktor für die Wirkung ist: “The mechanism of contraceptive action of postcoital levonorgestrel is likely to depend on the phase of the cycle when administered and on the frequency of tablet-taking.7 Repeated administration during the follicular phase is likely to influence ovulation and lengthen the cycle,8 and 9 while one-time use does not appear to have this effect.” (UN 2010)

    3. NEBENWIRKUNGEN:
    3.1. DIE PILLE DANACH UND THROMBEN
    Gerade bei Levonogestrel ist bekannt, dass die Dosis – und die ist nunmal im Notfall-Präparat signifikant höher – Einfluss auf das Thromboserisiko hat. Gute Daten gibt es hier auch nur für die niedrig dosierten Präparate (Stegemann et al 2013), aber sie sind eindeutig.

    3.2. SONSTIGE NEBENWIRKUNGEN
    Des Weiteren finde ich relativ offensichtlich, dass es durch die “PiDaNa” vermehrt zu (wenn auch harmloseren) Nebenwirkungen kommt. Die Zahlen zur Häufigkeit von Blutungsunregelmäßigkeiten (40%) und Übelkeit (19%) erscheinen mir doch relativ hoch (UN 2010). Ich finde das sollte erwähnt werden.

    Bitte verstehe mich nicht falsch: Grundsätzlich sehe ich das Ganze wirklich wie du. Die Datenlage ist bei diesem Thema aber alles andere als gut. Die Daten und Argumente, die gegen dieses Konzept sprechen, hätten gerade deswegen in deinem Beitrag erwähnt werden sollen. Die aktuell geführte Debatte ist wichtig, dennoch sollte die Details nicht durch Verallgemeinerung unter den Tisch gekehrt werden. Das Ziel sollte doch die Ermächtigung zur eigenen fundierten Entscheidungsfindung sein und in dem Fall muss man leider auch über Details sprechen.


    UN 2010: “Efficacy and side effects of immediate postcoital levonorgestrel used repeatedly for contraception”, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0010782400001165

    Stegemann et al 2013: “Different combined oral contraceptives and the risk of venous thrombosis: systematic review and network meta-analysis”, http://www.bmj.com/content/347/bmj.f5298?view=long&pmid=24030561

  2. paulalouize

    Salut Peter,

    vielen Dank für deine Hinweise. Grundsätzlich haben wir die Erfahrung gemacht, dass unsere Links zu Quellenangaben relativ wenig genutzt werden und Links zu wissenschaftlichen Papern nur teilweise verständlich sind für die Menschen, die diesen Blog lesen. Deswegen ist, wie du sehr richtig anmerkst, nicht jede Angabe in diesem Text mit Quellenangabe belegt. Die These, emergency contraception sei potentiell mit weniger Nebenwirkungen im Langzeitverlauf verbunden als eine herkömmliche Kontrazeption ist wie du richtig anmerkst eben eine “These”, und bezieht sich ausdrücklich auf Frauen, die quasi keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr haben aber trotzdem dauerhaft eine Standard-Kontrazeption anwenden.

    ad 1) Ich schere nicht über einen Kamm, sondern ich verzichte auf eine Unterscheidung der beiden Wirkstoffe, da sie in meinen Augen den Rahmen dieses Textes übersteigen würde.

    ad 2) Zu den jeweiligen Pearl Indices gibt es sehr unterschiedliche Angaben, die im Text erwähnte Angabe stammt beispielsweise aus der Auflage des Karow Lang 2014 (T. Karow, R. Lang-Roth, Pharmakologie und Toxikologie, S. 1101).

    Daneben existieren Studien mit größeren ProbandInnenzahlen als in der von dir zitierten Studie, z.B. von Glasier et al. 2010 (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0140673610601018, leider Industrie-finanziert), die bspw. für das Versagen der Notfallkontrazeption bei n=844 in der Ulipristalgruppe eine Versagerquote von (1·8%, 95% CI 1·0–3·0) angeben. Dies gilt jedoch für den einzelnen eingetretenen Schwangerschaftsverdacht und ist aus diesem Grund nur eingeschränkt vergleichbar mit dem Pearl Index, der sich ja auf 12 angenommene Anwendungsmonate bezieht ohne die Verwendung eines weiteren Verhütungsmittels.

    ad 3.1 und 3.2) Auch hier Verweis auf Glasier et al., dort mit dem der realen Situation am ehesten nahekommenden Studiendesign Angabe der Nebenwirkungen.

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